Abstract: In seinem Debattenbeitrag setzt sich der Autor kritisch mit dem „Schwarzbuch Corona“ (corona-schwarzbuch.de) und dessen Kritik an dem Krisenmanagement im Rahmen der Covid-19-Pandemie auseinander.
„Angst regierte, Kritik wurde zum Tabu.“ (Alexander King, BSW)
Vor sechs Jahren, da hatten wir in den Krankenhausnotaufnahmen und auf den Intensivstationen die Hosen wirklich gestrichen voll. Am 19. Februar hatte die „partita zero“ in San Sirio in Mailand stattgefunden. Drei Tage später starben die ersten Corona-patient:innen in Norditalien. Die Bilder aus Bergamo im Kopf gingen wir davon aus, dass einige von uns die ersten Wellen der Covid-19 Pandemie nicht überleben würden, und dass wir viele unserer Patienten würden sterben sehen.
Der Umfang der vorhandenen Schutzausrüstung war völlig unzureichend. Die Lieferanten blank. Beim Einkauf ging schon längst niemand mehr ans Telefon und aus den Verwaltungen kamen Durchhalteparolen und erratische Disziplinierungsversuche einer zunehmend nervösen Belegschaft.
Niemand wusste, welche Maßnahmen überhaupt wirksam wären. Welche Sterblichkeit unter hiesigen Bedingungen zu erwarten sein würde, war ebenso unbekannt wie die weitere Entwicklung des Virus. Es war aber allen klar: Lieber nicht anstecken. Die Toten in Norditalien, wo 2020 die durchschnittliche Lebenserwartung um fast drei Jahre sank, hatten eine bedrückende Realität.
Für alle? Nein! Ein kleines unbeugsames Häuflein pfiff sich bereits damals eins und bestritt die Pandemie im Prinzip. Aus Schwurblern und Querdenkern formierten sich im Lauf der Zeit neue politische Kräfte. Als alles vorbei war, verloren die einen die Lust, die anderen machten weiter. Jetzt unter dem Schlagwort der „Aufarbeitung“. In diesem merkwürdigen Bürokratenwort blitzt der Wunsch nach ewigen und letztendlichen Gewissheiten ebenso auf, wie das raunende Drohen mit der großen Abrechnung, das wir in den letzten Jahren einmal wieder kennenlernen durften.
Meistens hören wir so etwas von der noAFD oder der „Basis“. Aber auch andere sind auf der Suche nach Aufregern. Da posieren jetzt zwei, die wie ein doppelter Giordano Bruno auf dem Scheiterhaufen nicht anders können, als endlich die Wahrheit zu sagen. Koste es, was es wolle. Ahnung haben sie offenbar keine, oder überhaupt keine Skrupel. Einer war mal Chirurg, der andere Geograph. Und wer sich fragt, ob es in der Corona-Zeit immer klug war, auf Virologen zu hören, anstatt auf Epidemiologen, der kann hier ganz neue Dimensionen der Verständnislosigkeit entdecken.
Für die beiden geht es hier um „Narrative“ des Berliner Senats (hier steht eine Wahl an). Um Zumutungen und persönliche Kränkung durch die größte medizinische Katastrophe, die unser Land in den letzten Jahrzehnten getroffen hat. Alles wäre gar nicht wahr gewesen, sondern ein Komplott der Unfähigen. „Eine aufgeklärte Zivilgesellschaft“ sei in Haft genommen worden „für die vermeintliche Eindämmung eines Virus, über dessen tatsächliche Pathogenität wir immer noch keine verlässliche Aussage haben“. Es geht nicht um die empirische Pathogenität, die recht gut bekannt ist, sondern um die „tatsächliche“. Die Pathogenitätsessenz der wahren Welt hinter der Pathogenitätsbehauptung der Verschwörung. Es folgt aus einem solchen Realitätsbezug, dass nicht systematisierte Erfahrung weiterhilft, sondern Mutmaßung und Geraune. Geschwurbel. Das Mittel zur Klärung ist den beiden nicht die Wissenschaft (die man freilich bemühen könnte – mittlerweile wissen wir doch einiges), sondern „Anfragen an den Senat“. Und aus einem Feuerwerk an blöden Fragen und tumben Antworten der Verwaltung wird dann eine Fabel gestrickt, von der Heimtücke und Boshaftigkeit des Systems.
Aus der Tatsache, dass die Bettenbelegung geringer gewesen sei als zuvor, und dass sogar Überstunden abgefeiert werden konnten (Skandal!), wird geschlossen, alles sei nicht so schlimm gewesen. Schon mit nur oberflächlichem Verständnis der damaligen Situation weiß man, dass ganze Abteilungen nicht betrieben werden konnten, weil man schon aus Schutzgründen keine Patient:innen aufnahm, die nicht dringend behandelt werden mussten. Dass Vierbettzimmer halt nur mit einzelnen Patienten belegt werden konnten, von denen man nicht wusste, ob sie ansteckend waren oder nicht. Dass eine Pflegekraft aus der Dermatologie nicht mit einem Beatmungsgerät umgehen kann und der Schilddrüsenchirurg kein Intensivmediziner ist. Dass es gar nicht so leicht ist, festzulegen, ob jemand eher an Corona oder eher mit Corona verstarb – wie damals die Sprachregelung war, die natürlich medizinischem Personal von Anfang an auf die Nerven ging.
Wie die einen herumsaßen und nicht arbeiten durften, während die anderen bis zur Erschöpfung ackerten. Wie die Masken zum Trocknen aufgehängt und die Einmalkittel mehrmals getragen wurden. Wie man sich totschwitzte in den Isolierkitteln, während andere Abteilungsleiter versuchten, noch ein paar Elektivpatient:innen durch die Kontrollen zu schmuggeln. Und wie man sich wunderte über eine zum Notfall-Krankenhaus umfunktionierte Messehalle ohne Personal. Es hätte noch einiges schlimmer kommen müssen, damit die sich gelohnt hätte. Es kam aber nicht noch schlimmer. Und natürlich lag das mit hoher Wahrscheinlichkeit an all den wirksamen und unwirksamen Maßnahmen, die insgesamt dazu führten, dass die Erkrankungsraten sich im Rahmen hielten. Ganz genau werden wir Einiges nie wissen. Vieles kann man aber nachlesen.
Eine Scheißzeit war es. Für das Bündnis Schwurbelnder Wichtigtuer ist das Clickbait. Zu Lernen ist da nichts. Pfui Teufel.
DOI: 10.13154/294-14219
ISSN: 2940-3170
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